Laura Landergott ist nicht zu fassen

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Wir haben es auch gar nicht probiert. Sondern mit einem Antilopenblut auf das neue Album ihrer Band City At Dark angestoßen.

Es gibt viele Möglichkeiten, einen Text über Laura Landergott zu beginnen. Das ist ein Umstand, der bereits einiges über die Vielschichtigkeit der gebürtigen Österreicherin aussagt: Sie beherrscht mehrere Instrumente, spielt in einigen Bands und tummelt sich in verschiedenen Genres.

Als Website, in der es um Cocktails geht, könnte man auch mit der Tatsache beginnen, dass Laura Landergott auch mal als Bartenderin gearbeitet hat und weiß, wie es aussieht, wenn sich Menschen bis um fünf Uhr morgens an ein Glas klammern, weil zu Hause nichts auf sie wartet.

Oder man hätte mit dem Thema Rauchen einsteigen können, und über die souveräne Ruhe, mit der Laura Landergott ihre Zigaretten dreht. Es sagt nämlich viel über Menschen aus, wie sie rauchen; ob hastig und nervös, ob gelassen und besonnen. Sie tut natürlich Zweiteres, und überhaupt: Rauchen bedeutet heute der immer robuster auftretenden Gesundheitspolizei zu trotzen, ist selbstgedrehte Opposition und Optimierungsverweigerung, kurzum: nach wie vor eine Definition von Rock`n`Roll.

„Es gibt viele Musiker*innen in Berlin. Aber viele haben bereits eine feste Vorstellung im Kopf und suchen häufig nur andere, um ihre Stücke zu spielen.“

Da war aber noch eine weitere Möglichkeit, diesen Text zu beginnen. Sie schiebt sich in den Vordergrund, wenn man das Œuvre von Laura Landergott visuell an sich vorbei ziehen lässt. Es heißt nämlich, der Mensch ändert sich alle sieben Jahre, oder macht alle sieben Jahren eine Veränderung durch. Zwischen den beiden Videos To The Monkey ihrer alten Band Die Eternias und One by One ihrer neuen Band City At Dark liegen fast genau sieben Jahre. 

Vielleicht bedeutet das nichts, vielleicht aber doch. Vielleicht sogar sehr viel. Auf jeden Fall einen Beginn.

Laura Landergott, geboren in Graz, seit ihrem zehnten Lebensjahr aufgewachsen in Wien, zieht 2013 nach Berlin. Bis dahin ist sie Teil einer vitalen und experimentellen Musikszene der österreichischen Hauptstadt. In der soeben erwähnten Band Die Eternias spielt sie zehn Jahre an der Seite von David Öllerer. Die Band veröffentlicht zwei Alben und eine EP, in ihren Videos zeigen sie häufig einen Hang zu harlekinschen Verkleidungen.

Heute, sieben Jahre später, singt David Öllerer als Voodoo Jürgens seine Folksongs in österreichischem Dialekt und gilt als eine Subkultur-Größe des Austropop. Heute, sieben Jahre später, sitzt Laura Landergott in ihrer Wohnung in Berlin-Wedding und blickt der Veröffentlichung des Debütalbums ihrer neuen Band City At Dark entgegen. Die Haare sind nicht mehr lang wie zu Wiener Zeiten, sondern kurz, blondiert und nach hinten gekämmt. In ihren Videos trägt sie keine klamaukigen Kostüme mehr, sondern schwarz. „Wien ist mir etwas zu klein geworden“, sagt sie, und schiebt hinterher, damit kein Missverständnis aufkommt. „Ich liebe die Stadt nach wie vor. Nach Berlin zu gehen war aber auch kein so großes Wagnis, um ehrlich zu sein. Ich kannte ja Leute hier.“

In der Tat. Die Band Ja, Panik beispielsweise. Ebenfalls Österreicher, die zu jenem Zeitpunkt mit Libertatia eine der größten Diskursrock-Platten des Jahrzehnts in den deutschsprachigen Raum geschmissen hatten. Laura Landergott steigt als Gitarristen für die anstehende Tour ein und schreibt am Buch Futur II mit, in der die Band ihre permanente Selbsthinterfragung in einer kapitalistischen Narzissmuskultur auf die Spitze treibt. 

Im Grunde aber ist sie auf der Suche nach mehr: dem eigenen Sound. „Es gibt viele Musiker*innen in Berlin. Aber viele haben bereits eine feste Vorstellung im Kopf und suchen häufig nur andere, um ihre Stücke zu spielen. Es geht weniger darum, eine Band zu gründen und Sachen passieren zu lassen, sich Zeit dafür zu nehmen. Für die meisten ist Berlin eine Zwischenstation. Ich habe eine Weile gebraucht, um jemanden zu finden, wo es passt“, umschreibt sie ihre musikalische Reise.

In dieser „Weile“ arbeitet sie auch für kurze Zeit in einer Bar. Dort entstand auch ihr Faible für Mezcal. „Pur. Langsam zum Bier. So mag ich ihn am liebsten“, beschreibt sie ihre Sympathie für die mexikanische Spirituose. „Als Bartenderin verdient man schnelles Geld, es ist aber auch wie eine ständige Performance. Du stehst unter Beobachtung, es wird ständig kommentiert und gefragt. Teilweise entstehen interessante Begegnungen, aber anstrengend wird es, wenn man die psychologische Betreuung übernimmt.“

Unser Mittagsdrink stellt sie jedenfalls nicht vor Probleme. Es ist ein Sour auf der Basis von Mezcal, Pisco und Weingelee – nach dem ersten Song von City At Dark, Hunt like lions (noch unter dem alten Bandnamen Rán veröffentlicht), haben wir ihn Antilopenblut getauft: Sangre de Antílope. „Schmeckt hervorragend. Frisch, aber auch rauchig. Wir hatten in der Bar einen Drink namens Menstrualito, ein Mezcal-Cocktail mit Agavensirup und Aquafaba, dazu wurde etwas Himbeere reingeträufelt“, sagt sie, und fügt mit einer leicht lakonischen Bemerkung, wie sie es gerne macht, hinzu . „War natürlich immer der Kracher.“

„Ich stehe bei City At Dark als Sängerin erstmals im Mittelpunkt. Das fühlt sich teilweise noch ungewohnt an. Aber auch sehr gut.“

Bar und Kunst ist eine Kombination, die schon viele die Kunst außer Augen verlieren hat lassen; gerade in Berlin, Stadt der Ablenkung, Hochburg der im Dauerdelirium Verschwundenen. Man hat aber nicht den Eindruck, dass das bei Laura Landergott jemals eine Gefahr gewesen ist. Nach langen Schichten mit dem Sonnenaufgang nach Hause zu schleichen, kann im Idealfall auch die gegenteilige Wirkung erzeugen: ein umso intensiveres Verlangen nach der Kunst. Laura Landergott ist nun mal Musikerin, vom Scheitel bis zur Sohle. „Klavier habe ich gelernt. Schlagzeug macht mir Spaß, aber am wohlsten fühle ich mich an der Gitarre“, so ihre Beschreibung. „Ich liebe es, mich für ein Projekt tagelang zu verbunkern und den Alltag außen vor zu lassen. Musik schreibe ich meistens nachts.“

Seit Jahren übernimmt sie regelmäßig die musikalische Leitung des Theaterkollektivs copy & waste, im Juli war sie Teil der Bühnenband zum 20-jährigen Jubiläum von Peaches mit dem sehr peachesmäßigen Titel „There’s only one Peach with the Hole in the Middle“. Gleich im Anschluss saß sie am Theaterstück „Stadt unter Einfluss – das Musical zur Wohnungsfrage“ von Christiane Rösinger an den Drums. 

Es waren Projekte zwischen Gender und Gentrifizierung, die auch die politische Agenda von Laura Landergott sehr klar umreißen. Aber jetzt kommt das neue Album von City At Dark. Selbstbetitelt. Sprich: Jetzt kommt erstmal Rock’n’Roll.

Es war der israelische Gitarrist Yair Karelic, mit dem es musikalisch gefunkt hat. Als Duo entwickeln City At Dark einen fiebrigen Rock, irgendwo zwischen Art-Pop, Psychedelic und Post-Punk angesiedelt. „Die Platte ist sehr unterschiedlich, deswegen fällt es mir schwer, sie zu kategorisieren“, erklärt Laura Landergott, die selbst für ihre eigene Musik schwer zu fassen ist. „Ich stehe bei City At Dark als Sängerin erstmals im Mittelpunkt. Das fühlt sich teilweise noch ungewohnt an. Aber auch sehr, sehr gut.“

Also genau richtig. Jetzt. Sieben Jahre später.

City At Dark Releasekonzert: 21. November 2019, Schokoladen Berlin

There is only one Peach with the Hole in the Middle„: 28., 29., 30., 31. Dezember 2019, Volksbühne Berlin

DJ-Gigs: 23. November – Südblock; 5. Dezember Humboldthain