Der besondere Weg des Christopher Trimmel

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Tätowierer, Fußballprofi, Kapitän des 1. FC Union Berlin. Alles ohne Masterplan, wie uns Christopher Trimmel bei einem Flatlander erklärt.

1. Schauplatz Berlin, Tiergarten: Christopher Trimmel sitzt auf einer Parkbank. In der einen Hand hält er einen Stift, in der anderen einen Block Papier. Er zeichnet eine Elster. Diese könnte er auch einfach aus einem Buch abzeichnen, aber einfach hat er es sich als Tätowierer noch nie gemacht. Sein Blick wandert konzentriert zwischen Blatt und Vogel hin und her, die Augen zusammen gezogen, die Brauen darüber beinahe zu einer Linie vereint. 

2. Schauplatz Berlin, Kreuzberg: Die Bostoner Hardcore-Band Slapshot spielt vor einer kleinen, aber umso energiegeladeneren Menge im SO36. Im Moshpit dabei: Christopher Trimmel. „Es handelt sich eigentlich immer um die gleiche Community von maximal 100 Leuten. Ich liebe diese Musik und bin damit groß geworden. Es kann manchmal schon heftig werden, aber natürlich passe ich auf. Ab und zu fängst du dir eben eine.“ Er grinst, die Augen funkeln amüsiert, soll heißen: Glaub’s oder glaub’s nicht.

3. Schauplatz Berlin, Köpenick: Christopher Trimmel trägt ein rot-weißes Trikot mit der Rückennummer 28. In der Alten Försterei, dem Stadion des 1. FC Union Berlin, warten rund 22.000 Menschen auf ihre Mannschaft. Der Außenverteidiger führt den Kultverein aus dem ehemaligen Osten der Stadt und langjährigen Zweitligisten als Kapitän aufs Feld … Moment: den seit 27. Mai diesen Jahres Bundesligisten!

Drei sehr unterschiedliche Momente, die jedoch eines zeigen: Christopher Trimmel ist ein sehr spezieller Typ Fußballer. Wenn man so will, ist er vielleicht einer der letzten seiner Art. Der gebürtige Österreicher hat keine Kaderschmiede durchlaufen, Fußballprofi zu werden stand nicht ganz oben auf seiner Liste. Er hat Abitur gemacht und für kurze Zeit studiert. Zwischendurch arbeitete er auf dem Bau, auch mit der Aufnahmeprüfung auf einer Wiener Kunsthochschule hat er kokettiert. „Ich habe aber die Mappe mit meinen Zeichnungen verloren“, sagt er dazu. 

Weil er ein wenig anders tickt als Fußballer, die vom Nachwuchskader an im goldenen Käfig stecken, ist sein nächster Verein vielleicht auch irgendwie Bestimmung: 2014 wechselt er zum 1. FC Union Berlin.

Aber natürlich war da immer das Kicken, und es hat dem Sohn eines Fußballtrainers aus einem kleinen 700-Seelen-Dorf nicht nur Spaß gemacht: Er war einfach auch immer ziemlich gut darin. So gut, dass er als 21-jähriger Student vom österreichischen Erstligisten Rapid Wien für dessen Amateurmannschaft engagiert wird. „Ich dachte, ich verdiene mir ein bisschen Geld zum Studium dazu“, erinnert sich Christopher Trimmel. „Aber es kam anders.“

Kann man wohl sagen. Ein paar Monate später wird er in die Kampfmannschaft beordert, kurz darauf folgt der erste Einsatz für die österreichische Nationalmannschaft. Wo immer die Mappe mit den Zeichnungen auch abgeblieben ist: Christopher Trimmel, der jedes Angebot einer Fußballakademie ausgeschlagen hat, um nicht verbogen zu werden, ist mit 22 Jahren Fußballprofi.

Und weil er ein wenig anders tickt als Fußballer, die vom Nachwuchskader an im goldenen Käfig stecken, ist sein nächster Verein vielleicht auch irgendwie Bestimmung: 2014 wechselt er zum 1. FC Union Berlin, auf seine Weise ebenfalls ein letzter seiner Art. Hier regieren weder Aufsichtsräte noch Konzernmanager, hier prallt das digitale Fußballentertainment der Moderne auf eine sture Berlin-Historie nach der Mauer. Die Identität des Vereins wurzelt in der DDR, als die Tribüne als renitentes Sammelbecken gegen das Staatssystem galt, sowie einer Fanbasis, die ihren Verein in klammen Zeiten mehrere Male gerettet hat – und die sich seit 2003 einmal jährlich zum Weihnachtssingen in der Alten Försterei einfindet; die dann besetzt bis auf den letzten Platz, versteht sich.

Christopher Trimmel hat netterweise nicht nur mit uns getrunken, sondern uns auch ein Tattoo verpasst.

Seit dem 27. Mai 2019 sind die Eisernen aber erstmals seit ihrem Bestehen in der Bundesliga. Das ist ein wenig so, als hätten sich Nofx in den Eurovision Song Contest geschlichen. Also wird Christopher Trimmel seine Truppe nächstes Jahr als Kapitän in die Münchener Allianz Arena, den Dortmunder Signal Iduna Park oder die Gelsenkirchener Veltins Arena führen. Es wäre vermutlich auch schwierig, mit dem Kapitän des 1. FC Bayern oder Borussia Dortmund einen Cocktail zu trinken. Verträge müssten unterschrieben werden, PR-Berater würden um den Tisch herumstehen, und überhaupt: Fußball und Alkohol in einem Atemzug zu nennen, unerhört, die Sponsoren, die Vorbildwirkung für die Jugend! 

„Noch leicht angetrunken zum Training gehst du ohnehin nur einmal, denn du stirbst tausend Tode und denkst dir: nie wieder.“

Bei Union Berlin geht das noch direkter, unverfälschter, unkorrumpierbarer. Also: menschlicher. Das passt zu seinem Kapitän, der sich morgens mit seinen Kopfhörern in die S-Bahn am Alexanderplatz setzt und zum Training fährt. Christopher Trimmel lehnt sich in seinem Stuhl in seiner Küche zurück. „Auch Fußballer dürfen ausgehen, wenn sie am nächsten Tag freihaben. Diese Bilder vom perfekten Image finde ich unnötig. Natürlich sind wir keine Trinker und achten auf unsere Ernährung, aber ab und zu muss man raus. Wenn dann einer etwas zu viel erwischt, ist das menschlich. Heute geht man auch zum Trainer und spricht das ab, in dieser Hinsicht ist Fußball offener geworden. Außerdem, noch leicht angetrunken zum Training gehst du nur einmal. Du stirbst nämlich tausend Tode und denkst dir: nie wieder.“

Wenn das nicht der ideale Zeitpunkt ist, ihm unseren Flatlander rüberzuschieben! Als Basis für diesen Sour haben wir Bulleit Bourbon genommen, einen Bartenderliebling aus Kentucky, der für einen Bourbon einen hohen Roggenanteil aufweist. Diese süßlich-würzige Basis ist kräftig genug, um gegen alles zu bestehen, was man ihr zur Seite stellt, lässt dabei aber genügend Spielraum, um mit anderen Aromen ergänzt zu werden. Das ist in diesem Fall ein Rote Rüben Geist (also Rote Beete) aus der Brennerei von Franz von Stauffenberg. Beides sind vollmundige, sich langsam Platz verschaffende Spirituosen, denen wir die harzigere Süße von Ahornsirup zur Seite gestellt haben. So schmeckt der Sour zu Beginn nach einem klassischen Whiskey Sour, bis allmählich die Rote Beete in den Vordergrund rückt.

Christopher Trimmel stammt aus dem Burgenland, dem einzig flachen Teil Österreichs, der sich auch kulturell von den alpinen Gegenden oder dem notorisch selbstverliebten Wien unterscheidet.

„Finde ich vorzüglich. Ich probiere Spirituosen gerne pur, mit Eis oder mit Soda. Ich fand das immer die beste Methode, die Qualität zu testen. Gerade für den Tag danach macht es auch einen ziemlichen Unterschied, ob du qualitativen Alkohol trinkst. Ich halte mich eher an Whisky Soda und war nie der Wodka Red Bull Typ“, beschreibt Christopher Trimmel. „Wenn es um Bars geht, mag ich es einfach, rustikal und gemütlich, weniger den Berlin-Style mit umfunktionierten, leeren Bierkisten. Das Problem ist: Mittlerweile haben Bars am Wochenende häufig Türsteher. Mit fünf Jungs reinkommen, die zu Besuch in der Stadt sind? Keine Chance. Wenn du nicht jemanden kennst oder zuvor reservierst, kommst du nicht mehr rein. Das ist nicht so mein Fall.“

So imponiert ihm auch die Tatsache, dass er nur ein paar Parallelstraßen entfernt vom Buck & Breck wohnt, die neben dem Schumann’s einzige Bar Deutschlands, die sich regelmäßig in der Liste der World`s 50 Best Bars findet, wenig. Klingeln und darauf hoffen, reinzukommen? Nicht sein Fall. Seine Prominenz dafür einzusetzen? Schon gar nicht sein Fall. In dieser Haltung spiegelt sich auch seine Herkunft wider. Christopher Trimmel stammt aus dem Burgenland, dem einzig flachen Teil Österreichs an der ungarischen Grenze, der sich auch kulturell von den alpinen Gegenden oder dem notorisch selbstverliebten Wien unterscheidet. Hier wohnt ein unaufgeregter Menschenschlag, der besondere Ansprüche rasch als elitäres Chichi empfindet; aber auch einer, der natürlich stolz ist, wenn einer der ihren zur Bekanntheit aufsteigt. Vor allem, wenn sich dieser mit Kindern im Turnsaal seiner alten Grundschule abbilden lässt, wie es Christopher Trimmel wenige Tage nach Saisonende getan hat. (Nicht jedoch, ohne zuvor mit dem Verlust seiner Aufstiegsunterhose den Berliner Boulevard in Aufruhr versetzt zu haben.)

Im Burgenland begann aber nicht nur die Karriere des Fußballers Christopher Trimmel, sondern auch die des Tätowierers Christopher Trimmel. Angefangen hat es mit einem Tribal am Fuß – „manche würden es als Jugendsünde bezeichnen, aber ich würde das niemals wegmachen lassen, denn es erinnert mich an eine spezielle Zeit“ – mittlerweile sind Arme, Beine und Rücken voll. „Von meinen ersten Profigehältern habe ich mir in Wien eine Wohnung gekauft. Mein bester Freund war Tätowierer, unser Deal war: Er konnte darin wohnen und musste mich im Gegenzug dafür tätowieren. Da habe ich Gas gegeben, was Tattoos betrifft“, lacht er. „Gleichzeitig war ich auch eine Art Schüler von ihm und habe begonnen, erste Tattoos selbst zu machen.“

Der Umzug nach Berlin 2014, das erwähnt er gerne, sei auch in eine Phase gefallen, einen eigenständigen Stil als Tintenkünstler zu entwickeln. Mittlerweile hat Christopher Trimmel eine offizielle Arbeitsbescheinigung als Tätowierer und betreut in seinem Studio Twentyeight Tattoos einige Stammkunden. Natürlich sind auch Union-Fans darunter, aber ihm ist wichtig, nicht bloß der tätowierende Fußballer zu sein. Anfragen von Sportsendern, ihn in seinem Homestudio zu filmen, lehnt er mittlerweile ab. „Ich bin in einer Session fünf Stunden am Kunden dran, dann soll es auch nicht nur um ein paar Striche für die Kamera gehen.“

Anfragen dieser Art werden mit dem Aufstieg in die Bundesliga nicht weniger werden. Die Erste Liga ist schließlich ein anderes Biest. Größer, wilder, gefährlicher, heimtückischer. Christopher Trimmel aber wird weiterhin mit Kopfhörern in die S-Bahn steigen. Und er wird sie aufsaugen, diese Atmosphäre, regelmäßig vor 50.000, 60.000, 70.000 Menschen zu spielen. Darum geht’s im Fußball schließlich.

Mit Aufstiegsunterhose oder ohne.

Hinweis: Dieser Beitrag erfolgte in Kooperation mit Bulleit Bourbon.