Die andauernde Metamorphose der Kitty Solaris

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Berlins Indie-Queen Kitty Solaris hat ein wunderbares Rock-Album geschrieben. Wir haben mit einem Cold City Sling darauf angestoßen.

Es gibt da ein paar Mythen, die sich um die Küche von Kitty Solaris ranken. Zumindest kommt in den meisten Geschichten, die man über sie liest, diese Küche vor; als der Ort, an dem ihre Songs entstehen, oder als der Ort, an dem sie häufiger saß, wenn Immobilienmakler potentielle Käufer durch die Wohnung führten. Deswegen ist der erste Gedanke, den man beim Betreten hat: Bloß nicht noch eine Geschichte über die Küche von Kitty Solaris schreiben. 

Eine halbe Stunde später sitzt man immer noch hier, genau in dieser Küche. Mit am Tisch: Die befreundete Autorin und Malerin Magdalena Diercks, die hier regelmäßig zu Gast ist. Wie auf jeder Party, ist auch in Kitty Solaris‘ Wohnung die Küche das Epizentrum. Es muss einfach so sein. Immerhin wohnt sie seit zwanzig Jahren in der gleichen Wohnung, was nicht viele Menschen in Berlin erzählen können – und schon gar nicht solche, die wie sie im Jahr 2000 hierher gezogen sind. An diesem Tisch wurde die gebürtige Marburgerin zu Kitty Solaris, hier hat sie jedes ihrer mittlerweile sechs Alben geschrieben. „Der Gasherd war auch zwei Jahre lang die einzige Heizung in der Wohnung“, erinnert sie sich an unerfreuliche Ausquartierungsversuche. 

Was wiederum nichts mit dem Titel ihres neuen Albums zu tun hat, natürlich aber trotzdem ein guter Übergang ist: Das Album heißt Cold City, und es ist das rockigste der gerne als Lo-Fi-Queen bezeichneten Musikerin geworden, die auch ihr eigenes Label – Solaris Empire – betreibt. Es sind geradlinige Rocksongs geworden, vorgetragen in einem minimalistischem Gesang und einem Englisch, das nicht nach Perfektion strebt, aber gerade dadurch magisch anzieht. „Deutsch kann eine sehr schöne Sprache sein, aber häufig kommt das in der offiziellen Variante nicht rüber. Ich finde, es gibt eine extreme Trennung zwischen dem offiziellen und dem umgangssprachlichen Deutsch“, sagt Kitty Solaris. „Englisch ist einfach die Sprache des Pop. Ich spreche ein eher einfaches Englisch und arbeite gerne mit Wörtern und Phrasen. Songschreiben fällt mir nicht schwer, es sollte nicht mit Anstrengung verbunden sein.“

„Kitty Solaris lässt mit dem Album Cold City die Schublade Lo-Fi oder Disco hinter sich.“

Cold City klingt dann auch nicht angestrengt, sondern leicht, dabei bezaubernd spröde, rotzig und frei. Es beinhaltet Ohrwürmer wie den namensgebenden Titeltrack, dessen Refrain „It’s a cold cold city, Rock’n‘ Roll city, excuse me if I’m not pleased. It’s a cold cold city, Rock’n’Roll city – still stuck in Berlin“ sich einnistet wie eine Gitarrenriffplombe. 

Wobei man jetzt nicht den Fehler machen sollte, Musikerin mit Person gleichzusetzen: Kitty Solaris ist nicht stuck in Berlin, und sie ist auch nicht stuck in dieser Küche. Ganz in Gegenteil. Mit Cold City lässt die Musikerin die Schublade Lo-Fi oder Disco hinter sich, und der Pfad, den sie eingeschlagen hat, macht ihr sichtlich Spaß. Die Songs für das nächste Album jedenfalls sind schon fertig. Sie werden ebenfalls eine härtere Gangart einschlagen. Und sie wird sie wieder mit ihrem langjährigen Drummer Steffen Schlosser einspielen. 

Und weil Cold City sich in den Gehörgang bohrt, wenn man es mal gehört hat, stand für diesen Besuch der Name bereits vor dem Drink fest: Es musste ein Cold City Sling sein. Das klingt graderaus, das klingt verwegen, das klingt nach einem Drink für eine Person, die ihr Leben dem Underground gewidmet hat. Unser Drink ist ein Twist auf den Straits Sling, einem Klassiker, den man Menschen anbieten kann, wenn sie etwas komplexeres als Gin & Tonic probieren wollen – oder gerade kein Tonic zur Hand ist.

Der Straits Sling bekommt seine herbe Note ursprünglich durch die Verbindung von Gin und Kräuterlikör; wir haben in unserem Fall Tanqueray Lovage gewählt, einen limitierten London Dry Gin, der durch das regionale Botanical Liebstöckel bereits sehr spezielle, würzige Klänge in sich trägt. Diese herzhaft-herbe DNA des Drinks haben wir mit Zitrone und dezent eingesetzter Süße eines Ananas Oleo Saccharum ausgeglichen: Wir wollten Kitty Solaris keine süße Gin-Bombe vorsetzen, ihr andererseits aber auch nicht mit einer herben Trockenbombe den Rachen entstauben. „Ich stelle mir vor, dass Drinks zu entwickeln einen ähnlich Prozess haben kann, wie Songs zu schreiben. Man muss in einen Flow kommen, und plötzlich weiß man: von dieser Zutat etwas mehr, von dieser etwas weniger“, sinniert Kitty Solaris. „Ich mag auch keine allzu süßen Drinks. Der Cold City Sling schmeckt angenehm und leicht – knorke gemixt. „

„Ein Indie-Label betreiben heißt, sich durch 50 Seiten Spotify-Abrechnungen zu graben, um 0,01 Cent-Beträgen hinterher zu wühlen.“

Knorke gemixt. Hin und wieder haut Kitty Solaris so Wörter raus, die gar nicht so recht zu der besonnenen Art passen, die sie im Gespräch im Allgemeinen an den Tag legt. Aber vielleicht kommt das daher, weil sie selbst von sich sagt, auf Anhieb oft nicht die richtigen Sachen zu sagen. Sie sucht jedenfalls gerne nach dem passenden Vergleich, lässt sich beim Sprechen Zeit, spricht weder schnell noch laut. Aber wenn sie über ihre Musik spricht, ist Kitty Solaris sehr entschieden. Cold City ist natürlich auf ihrem eigenen Label erschienen, Solaris Empire, das sie 2007 ins Leben rief, um ihren damaligen Erstling Future Air Hostess zu veröffentlichen. Die Kommunikation mit großen Labels schien ihr damals zu mühsam. Mittlerweile hat sie auf Solaris Empire über 60 Alben herausgebracht, darunter Perlen wie My Sister GrenadineSorry Gilberto oder den österreichischen Songwriter Bernhard Eder. Es sind großteils Acts, die irgendwo zwischen Lo-Fi, Songwriter, Indie und Pop angesiedelt sind. Manche könnten Hallen füllen, die wenigsten aber tun es. 

Die Bezeichnung „Label“ liest sich auch immer wunderbar; ein regelrechtes Journalistenwort, mit dem Autoren eine Bedeutung unterstreichen können, ohne viel sagen zu müssen; nur wer ein wenig über Musik im Jahr 2019 Bescheid weiß, der weiß auch, was es bedeutet, ein kleines Independent-Label zu betreiben. Das ist mehr Herzblut als Hipster-Partys, das heißt Schweiß statt Scheinwerferlicht, das heißt sich durch 50 Seiten Spotify-Abrechnungen zu graben, um den 0,01 Cent-Beträgen hinterher zu wühlen. „Die großen Labels haben andere Deals, vermute ich mal ganz stark“, meint Kitty Solaris nur dazu. „Ich bin ein Freund der Gema.“ 

Zweimal im Monat veranstaltet sie die Lofi Lounge im Schokoladen, einem der letzten – wenn nicht dem letzten – Ort in Berlin-Mitte, in dem sich eine alternative Szene ausprobieren kann. Das Haus sollte 2012 geräumt werden, wurde dann aber von der Schweizer Stiftung Edith Maryon gekauft, einer 1990 gegründete Non-Profit-Organisation, die den Verbleib gesichert hat. „Die Lofi-Lounge ist Monate im Voraus ausgebucht. Es gibt immer weniger Orte in Berlin, wo man tatsächlich mit Schlagzeug spielen kann“, erklärt Kitty Solaris. „Das neue Ding ist ja Pay to play.“

„Rap finde ich interessant. Ich war unlängst in einer Bar, wo zufälligerweise ein Open Mic stattfand. Ich war kurz davor, selbst auf die Bühne zu gehen.“

Also Bands, die ihren Auftritt selbst bezahlen, um live spielen zu können – das steht nicht zuletzt dafür, wie sich die Dinge auf den Bühnen gewandelt haben. Es gibt mehr Konzerte denn je in Berlin, es scheint auch mehr Musiker denn je zu geben in der Stadt, aber die Orte für die Aufsteiger, für das Experimentelle, für die Noch-keinen-Tourbus-Vollprofis, für die genialen Dilettanten werden weniger.

Und überhaupt: Indie-Rock wirkt als Ausdruck regelrecht antiquiert. So sind auch die Clubs, die in den 2000er das Berliner Clubleben – und auch die Musiklandschaft – mitdefiniert haben, zu Relikten auf Wikipedia geworden: Clubs wie Knaack (2010) oder Magnet (2015) sind dicht, damit einher geht ein Sterben im Indie-Blätterwald: Magazine wie Groove, Intro oder Spex wurden als Printausgabe allesamt 2018 eingestellt. Während sich die Elektronikszene immer wieder neue Räume in der Stadt zu erschließen vermag und sich immer wieder auch ein Stück weit neu erfindet, wirkt die Indie-Szene wie der Black Night in Monty Pythons Holy Grail: Es wird immer wieder ein Stück abgehauen – nur aufgegeben wird nicht.

Wenn man sich mit Kitty Solaris über diese Entwicklung unterhält, dann bedauert sie das; aber sie verzweifelt nicht darüber oder schimpft über den Verlust des guten Geschmacks oder gar den Untergang des Alternative-Abendlandes. Sie verteufelt auch weder die Rap- noch Autotune-Szene, die in Berlin – und nicht nur in Berlin – auf dicke Hose macht und sich die Taschen vollstopft. Sie betrachtet diese Entwicklung vielmehr als die Musikerin, die unterschiedliche Genres interessieren, und nicht als die Label-Betreiberin, die tektonische Veränderungen sofort ökonomisch betrachtet. „Rap finde ich interessant. Ich war unlängst in einer Bar, wo zufälligerweise ein Open Mic stattfand. Ich war kurz davor, selbst auf die Bühne zu gehen“, grinst sie.

So wie damals, als sie bei einer Kunstausstellung einer Freundin zum ersten mal auf eine Bühne ging und sich den Namen Kitty Solaris verpasste, nach dem Science-Fiction-Kultbuch Solaris. Das findet sie als Lektüre zwar etwas langatmig, aber sie mochte die Message dahinter: „Es geht um eine Reise ins Unterbewusste, oder in eine andere Realität. Und egal, ob du schreibst, malst oder Musik machst, du gehst in dein Unterbewusstes.“

Und das macht sie vor allem hier. An diesem Küchentisch. Und das vielleicht auch noch für die nächsten zehn Platten – aber nur, wenn Berlin Glück hat. 

Hinweis: Dieser Beitrag erfolgte in Kooperation mit Tanqueray Lovage.

KITTY SOLARIS LIVE:

19.6. Freiburg – Swamp

5.7. Stettin (POL) – Piwnica Kany

6.7. Posen (POL) – Kontener Art

7.7. Warschau (POL) – Chmury

13.7. Rodengo-Saiano (IT) – Alberodonte

14.7. Pisogne (IT) – Barbai

17.8. Kiel – Tatort Hawaii (Open Air)

3.10. Prag (CZ) – Kamina

5.10. Wien (AT) – Einbaumöbel