Wir müssen uns Frank Künster als einen freien Menschen vorstellen

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Utopist, Philanthrop, Existentialist. Wir haben Weit-mehr-als-ein-Türsteher Frank Künster mit einer selbst gemachten Bitter Lemon besucht.

Der Weg in die Wohnung von Frank Künster führt durch einen Innenhof im Berliner Wedding. Erdgeschoss, verdunkelte Jalousien, dichte Vorhänge. Die Klingel klemmt, als wäre sie drapiert für einen Bewohner, der den Morgen scheut. Und dann steht er da, fast klischeehaft: soeben aufgewacht, Brummen in der Stimme, in Jogginghose und Schlappen.

Es ist – und das merkt man schnell –, das einzig klischeehafte, das man an Frank Künster findet. Tatsächlich hat man es mit einem Menschen zu tun, der Klischees liebend gerne unterwandert, dem es vielmehr Vergnügen zu bereiten scheint, Erwartungen ins Leere laufen zu lassen. Ein 135-Kilo-Schrank mit Glatze, der bald von seiner unendlichen Liebe zum Ballett schwärmt und mit nonchalanter Geste auf Bilder zeigt, die „an Botero erinnern.“ 

Frank Künster ist ein Charmeur in der Camouflage eines Raubeins.

Vielleicht muss man aber erst etwas weiter ausholen für die Menschen, die nicht die letzten 25 Jahre in Berlin – genauer gesagt: Berlin Mitte – verbracht haben; denen die Worte WMF, Cookies, Delicious Doughnuts oder, natürlich, King Size, keine Erinnerungen an lange Nächte, Rausch und Repeat bescheren, oder auch Reue; die Frank Künster nicht zum Monument der Berliner Nacht werden haben sehen, zu einer Brücke, die die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet.

Frank Künster ist kein Türsteher, sondern er baut soziale Skulpturen.

Denn genauso ist es: Frank Künster hat als Türsteher mehrere Generationen Berliner und Neu-Berliner in Clubs reingewinkt – oder eben auch nicht. Es waren die Träumer, die in den 1990er kamen und in den Freiräumen der Stadt Labels und Galerien gründeten; es waren die Suchenden, die in den Nuller Jahren in den zu Agenturen und Verlagen gewordenen Freiräumen arbeiteten; es waren die Hipster, die in den 2010er Jahren kamen und irgendwas mit Medien und Start-ups machen.

Am Ende haben sich alle zusammen in dem letzten Laden versammelt, dem Frank Künster vorstand: der King Size Bar. Der vorläufigen Krönung. Wer hier reinkam, lag in seiner Hand. Es war ein Projekt, das das Epizentrum Frank Künster auf den Punkt brachte und von diesem auf den Punkt gebracht wurde. Hier ging es um Exzess, Ausschweifung, die Nacht. Ein von außen unscheinbarer und in einer anderen Stadt undenkbarer Schuppen, in dem sich die Berliner Szene bis in den Morgengrauen abschoss. Ein Laden, der mehr Sex hervorbrachte als der um die Ecke gelegene Straßenstrich der Oranienburger Straße. Hier lehnte Vicky Leandros am Tresen neben 20-jährigen Sternchen, mischte sich Kunst mit Politik und Touristen. Körperliche Unvermeidbarkeit auf engstem Raum, George Clooney sei davor gestanden und hätte sich nicht reingetraut, erzählt Frank Künster. 60-Quadratmeter-Manie, 120-Menschen-Maximum, jeder Abend bewacht – nein – kuratiert von Frank Künster, der sich selbst nicht als Türsteher versteht, sondern sagt: „Ich baue soziale Skulpturen.“

Und das schon immer in Jogginghosen, der Frank-Künster-Signature-Uniform. All das erzählt er nun auch in dem Dokumentarfilm Berlin Bouncer, der ab April in den Kinos läuft. Karl Lagerfeld hat berühmterweise einmal gesagt, dass ein Mann, der Jogginghosen trägt, die Kontrolle über sein Leben verloren hätte. So gesehen hat Frank Künster, der seine Jogginghose auch nicht für Edelrestaurants wie das Borchardt ablegt, die Kontrolle über sein Leben schon lange verloren. 

Und es ist das beste, was ihm passieren konnte. 

1989 kam er aus Hessen nach Berlin, vier Wochen vor dem Fall der Mauer. Auf- und ausgebrochen aus Herzhausen, einer Ortschaft, die in einem Landstrich liegt, der tatsächlich „Hinterland“ genannt wird. Als er in einem alten Mercedes im noch geteilten Berlin ankommt, studiert er, lustigerweise, BWL. Nicht lange natürlich, wie man sich denken kann. Rasch verschlingt ihn die Subkultur und hat ihn seither nicht mehr ausgespuckt. Bereits 2003 hat er einen Film produziert, der auf der Berlinale lief: Let it rock – über die subkulturellen Lebensaspekte in Berlin Mitte in der Dekade nach der Wende.

Seit 25 Jahren kuratiert er also diese subkulturellen Lebensaspekte, und das ohne einen Tropfen Alkohol zu sich zu nehmen. Oder sonstiges. Und weiß Gott, die Läden, in denen er gearbeitet hat, wurden praktisch auf Pillen und Pulver erbaut. „Alkohol schmeckt mir nicht. Die meisten Menschen berauschen sich, um sich aus einem Korsett zu befreien und sich im Exzess zu finden. Ich habe solche Gedanken nicht. Ich bin frei“, sagt er, lächelnder Zusatz: „Nicht immer, aber fast immer.“

In seiner Ernährung führt er nichtsdestotrotz ein strenges Regiment. Allerdings ein anderes, als man womöglich annehmen würde. Dazu gehört zügelloser Konsum von Bitter Lemon, das vielleicht sonst in Berlin Mitte überhaupt niemand mehr trinkt. „Ich bilde mir ein, dass es mich gesund hält. Außerdem trinke ich noch Wasser und Apfelsaft. Aber keine Apfelschorle, nie. Ich esse auch nur 15 Sachen, vor allem Nutella und Mailänder Salami. Mit Brot. Dabei immer zuerst Nutella, dann Salami, 400 Gramm am Tag“, erklärt er, seine Ticks auch zelebrierend. Unsere selbst gemachte Bitter Lemon mit echter Chinarinde erinnert nur entfernt an handelsübliche Bitter Lemons, schmeckt ihm aber. „Wenn auch etwas mehr Kohlensäure dabei sein könnte.“

Die Orientierung an der Utopie ist der einzig reale Ausweg aus der Inhumanität, in der sich die Weltgesellschaft befindet.

So führt er durch die Wohnung, gut gelaunt und redselig, zeigt auf ein Zitat von Camus, „mein Lebensmotto“, das besagt, dass in einer unfreien Welt der Mensch so sehr nach Freiheit streben müsse, dass seine bloße Existenz ein Zeichen der Rebellion sei. Ein weiteres Motto steht auf einem Plakat einer Finissage, auf dem eine nackte Gisele Bündchen abgelichtet ist. Die Orientierung an der Utopie ist der einzig reale Ausweg aus der Inhumanität, in der sich die Weltgesellschaft befindet steht darauf. „Das Wichtige ist die Diskorrelation zwischen dem Text und der Erwartung, die das Bild hervorruft“, erklärt Frank Künster. „Ich bin Utopist.“

Diesem Gisele-Bündchen-Bild wohnt ein anderes Motto, das in seiner Wohnung häufig vorzufinden ist, implizit inne: Frauen. Und das meist ohne viel Bekleidung. Frank Künster, der sich selbst als „polyamorös“ bezeichnet, wäre einer dieser Freunde, die dir bei jedem Telefonat erzählen, sie hätten sich aufs Neue verliebt. Der vermutlich keinen Brief aufgeben kann, ohne auf dem Weg zur Post nicht dreimal sein Herz zu verlieren. Es ist das Triumvirat seiner Weltanschauung: Utopist, Philanthrop und Frauenfreund, nein, Feminist. Er bezeichnet „die Unterdrückung der Frau als das Weltkardinalproblem„, und vielleicht sorgt er auch deswegen in seinem Job dafür, dass Mann das auch checkt. Soll heißen: Als Frau kommst du an Frank Künster immer vorbei in den Club. Als Mann hast du es schwieriger. 

Aber weiter in der Führung.

„Dieses Bild ist ein Geschenk von Brigitte Maria Mayer, der Frau von Heiner Müller. Sie hat es vor 32 Jahren per Selbstauslöser gemacht“, erklärt er vor einem Abzug im Flur. „Das Besondere ist aber nicht, dass Brigitte Maria Mayer nackt in meiner Wohnung hängt. Das Besondere ist die Tatsache, dass auch ihre Tochter nackt in meiner Wohnung hängt.“ 

Dann führt er zu einem Bild, das seitlich an seinem Hochbett hängt, ein auf A2 groß gezogener Handyschnappschuss, aus dem King Size natürlich, von ihm selbst gemacht. Drei junge Frauen, die blank ziehen, morgens um neun Uhr, so wie es eben so aussah im King Size, Berlin Friedrichstraße, morgens um neun Uhr. Eine der drei Abgebildeten ist Anna Müller, die Tochter von Brigitta Maria Mayer und Heiner Müller. Mit ihr hat Frank Künster auch ein Buch verlegt. Nutzloses Gesindel – Geschichten aus dem King Size heißt es, eine auf 1.000 Stück limitierte Ausgabe, geschrieben von Leuten, die sich selbst auf diesen 60 qm-Irrsinn rumgedrückt haben, die ihnen Frank Künster kuratiert hat; darunter Autoren wie der Philosoph Udo Tietz, die Linken-Politikerin Julia Schramm, Sarah Waterfeld („Sex mit Gysi“), Norman Ohler, oder, wie auch nicht, Moritz von Uslar. 

Ich trage keine schuss- und stichsicheren Westen. Mir ist schleierhaft, wie andere Türsteher mit so einem Druck arbeiten können.

Eröffnet hatte das King Size im April 2010, erdacht von Szene-Impresario Conny Opper und den Grill-Royal-Machern, die ihrem Jet-Set-Klientel einen Ort zum Feiern geben wollten, um ihre 40-Euro-Steaks zu verdauen. Angelegt auf ein Jahr, wurde die Bar aber zum Selbstläufer, weil schnell klar wurde: Es ist nach wie vor nicht das Geld, das in Berlin zählt; auch, aber die wichtigere Währung ist eine andere. Es haben. Man kann es nicht immer erklären, aber erkennen, so wie Frank Künster, der sowohl das alte wie das neue Berlin symbolisiert. Jemand, der in einer Erdgeschoss-Wohnung mit Ofenheizung wohnt, aber dem es ziemlich scheißegal ist, wenn neureiche Schnösel mit einem 500-Euro-Schein vor ihm wedeln, um sich Zutritt zu erkaufen.

In solchen Fällen kann es natürlich auch ungemütlich werden an der nächtlichen Tür; dann, wenn Testosteron, Alkohol und gekränkte Eitelkeit auf Türsteher treffen. In diesen Momenten ist nicht der Philanthrop und Ballettliebhaber Frank Künster gefragt. Sondern seine physische Präsenz, die er durch seine Eloquenz so gerne bricht. Sie ist es, die ihm Sicherheit gibt. Immer schon.

„Ich trage keine schuss- und stichsicheren Westen. Mir ist schleierhaft, wie andere Türsteher mit so einem Druck arbeiten können“, erklärt er. „Ich hatte in meiner Laufbahn zehnmal Probleme, keine schlechte Quote in 10.000 Nächten, in denen ich an der Tür gestanden bin. Ich wiege 135 Kilo und bin durchtrainiert, auch wenn man es mir vielleicht nicht ansieht. Die Menschen überlegen sich, ob sie sich mit mir anlegen. Wenn ja, lege ich sie meistens sanft zu Boden.“

Und das in Adiletten. Es gibt tatsächlich niemanden, der dermaßen mit der DNA der Berliner Nacht verschmolzen ist, und gleichzeitig so wenig Zeit darauf verwendet, sich für sie in Schale zu werfen. Das ist, in der Tat, eine große Freiheit: Nicht auf die Status-Symbolik zu achten, sondern selbst zum Status Symbol zu werden. 

2015 wurde das King Size zum erstenmal geschlossen. Nicht von den Betreibern, schon gar nicht aufgrund mangelnder Beliebtheit: Anrainerbeschwerde hieß der Riesentöter, natürlich, auch das ist Berlin Mitte heute. 2016 eröffnete der Laden nochmal für ein Jahr, diesmal unter der alleinigen Ägide von Frank Künster, der nicht ohne seine kleine, große Exzessschatulle bleiben wollte. 

Seit 2017 ist das Königreich aber nun endgültig dicht. Das King Size ist nun bereit, in den Party-Mythos der Stadt einzugehen, wie all die Orte zuvor, die Frank Künster geprägt hat. Er selbst aber, unternehmungslustig wie eh und je, will den Mythos weiterschreiben. Er steht kurz davor, den Mietvertrag für etwas Neues zu unterzeichnen, aber noch sei nichts unter Dach und Fach. Bis dahin ist er König ohne Reich, dazu verdammt oder auserkoren, sich stets aufs Neue zu verlieben. Aber früher oder später, das ist klar, wird Frank Künster wieder einer Tür vorstehen. Das geht nicht anders, das steht außer Frage. „Ich bin aufmerksamkeitssüchtig, das ist die Wahrheit“, beschreibt er. „Das Leben ist einfacher, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin.“

Einfacher. Und vor allem freier.