Wer dichten kann, ist dichtersfrau

Lesen

Monika Rinck ist eine sprachliche Grenzgängerin. Was das heißt, haben wir bei einem LA Schneider versucht, nicht herauszufinden.

LA Schneider, ausgesprochen: La Schnei-deeer. Das LA in Versalien geschrieben – so muss das sein. So lautet der Name des Drinks. Denn ohne lange Umschweife geht es hier sofort rein in die Geschichte: Es ist schließlich der erste Besuch, bei dem der Name des Cocktails vor dem Drink an sich feststand. 

Das passt zur Person Monika Rinck. Zu einer Autorin, der es um jeden Buchstaben geht, um jedes Wort und um jeden Zeilenumbruch; um das, was man schreibt, mindestens so wie um das, was man weglässt. Die hauptsächlich als Lyrikern gilt und das auch als ihr „Kerngeschäft“ bezeichnet, die sich aber von dort aus in viele verschiedene Richtungen bewegt und zu den spannendsten Stimmen der deutschen Literatur gezählt wird. 

Aber zurück zum Drink. Der heißt natürlich nicht von ungefähr LA Schneider und wird nicht von ungefähr LA Schnei-deeer ausgesprochen. Er ist benannt nach Hortense Schneider, Operettendiva des Zweiten Französischen Kaiserreichs, die vielen Werken des unermüdlich schreibenden Jacques Offenbach ihre Stimme verlieh. Dieser wiederum ist eine der zentralen Figuren in Monika Rincks neuem Buch Alle Türen. Hortense Schneider – Verzeihung: LA Schnei-deeer – galt als Inbegriff der frühen, skandalumwitterten Diva, berühmt etwa für ihre Rolle in der Operette La Grand-Duchesse de Gérolstein, die 1867 Premiere feierte, eine Satire auf Kleinstaaterei, in der ein Visum braucht, wer seinen vom Kopf gewehten Hut wieder aufheben will.

„Es geht um Militarismus, groteske Figuren, Vetternwirtschaft, willkürliche Entscheidungen, Absolutismus in Endzügen“, beschreibt Monika Rinck, der es sichtlich Vergnügen bereitet, über die Person Hortense Schneider zu sprechen. „Bizarrerweise waren bei einer Aufführung in Paris nahezu alle europäischen Herrscher bei Hortense Schneider in der Garderobe vorstellig, Bismarck war sogar zweimal da. Trotzdem brach nur Tage später der Deutsch-Französische Krieg aus.“

An dem Buch hat sie auch im „menschenfeindlichen“ Los Angeles gearbeitet, wo sie drei Monate als Stipendiatin in der Villa Aurora verbracht hat. Sie ist noch nicht lange wieder zurück in ihrer Altbauwohnung in Berlin-Moabit, die seit Langem die Keimzelle ihrer Arbeit ist, mit Blick auf das Dach einer Gartenremise, einem Baum und Himmel dahinter. „Die Stunden am Morgen sind mir die wichtigsten, die wirklich produktive Phase geht bis mittags. Man sieht die Dinge, der Blick ist klar. Der Nachmittag gehört dann eher den Auftragsarbeiten“, beschreibt sie, Zusatz: „Wenn die Nachbarn nicht zum zwölften mal The Chain von Fleetwood Mac hören.“

Tun sie in diesem Moment glücklicherweise nicht. Dafür springt ein Eichhörnchen über das Dach der Remise, und das ist natürlich so ein Bild, das man nun gut entwerfen könnte: Wie Monika Rinck so dasitzt, morgens, Offenbach hört, dichtet, Eichhörnchen über ein Dach flitzen sieht, weiterdichtet, den Buntspecht beobachtet, der gelegentlich ans Holz klopft.

Würde man vielleicht auch, wenn man sich nicht mit der Diversität und der Dichte ihres Werkes auseinandersetzen würde – und seinem Humor. Eine Symbiose, in ihrem 2018 erschienenen Buch Kritik der Motorkraft symbolisiert wird durch Passagen wie: „Du wirst womöglich nie vergessen, wie sich dort unsere Aufmerksamkeit füreinander in Beobachtung verkehrte und wir in einem falschen Verhältnis von Nähe und Gewalt und der Vermeidung von beidem gefangen waren. Na, es gibt wirklich Schlimmeres“. 

Das kommt einer klassischen Erzählprosa gerade so nahe, wie Monika Rinck es zulässt. Es ist schließlich vor allem ihre Lyrik, die sie zur Kleist-Preisträgerin, Ernst-Jandl-Preisträgerin oder Peter-Huchel-Preisträgerin gemacht hat. Sie hält Vorlesungen an der Universität für angewandte Kunst in Wien oder hat als Kuratorin das Rahmenprogramm des Festivals Fokus Lyrik in Frankfurt zusammengestellt. Sie textet Lieder für die letzte Runde, und wer wissen will, welche zufälligen und halbzufälligen Wortprägungen sie seit 1996 als Begriffsstudio archiviert, kann sich in den Newsletter eintragen. „Aber das Programm, mit dem ich die Seite mache, läuft auf einem alten Mac, und der freezt die ganze Zeit“, sagt sie mit einem mitfühlenden Blick auf ihr Gerät. 

„Eine gewisse Selbstüberraschung und das Vermeiden von Selbstimitation.“

Letzter Satz verdeutlicht auch gut, warum es wenig verwundert, in Monika Rincks Schreiben immer wieder und immer schon auf Anglizismen zu stoßen; wie auch nicht, Englisch ist Sprache, die uns umgibt, mehr denn je zuvor. Monika Rinck ist keine Gralshüterin der deutschen Dichtung, sondern ihre Erweiterung. Unter dem Begriff der Lyrik – oder dem ebenso fragil besetzten Begriff Gedicht– verstehen ja viele nach wie vor das Bild des grazilen Dichters, übermannt vom Schwelgen im Augenblick, theatralisch an der Welt leidend.

Ein Vorurteil, dem man mit der Tintenfeder in den Hintern stechen muss, denn in der Dichtung geht es mindestens genau so um das Sezieren des Augenblicks, um die Ausdehnung der Sprache, um die Verpackung von Gefühlen als Begriff und die Entpackung von Begriffen als Gedanke – und um das Sparring mit dem Irrsinn, dem der Mensch sich täglich stellt, seiner Mischung aus Vergänglichkeitsangst und Unsterblichkeitswunsch.

Die Wahrheit ist: Die Gegenwartslyrik bewegt sich näher an den tektonischen Verschiebungen der deutschen Sprache als die zeitgenössische Prosa. In Monika Rincks Schreiben findet das alles auf vielschichtige und mutige Weise zusammen. Gute Literatur ist schließlich keine Frage des Genres, und vor allem ist gute Literatur permanent auf der Suche nach sich selbst. Oder wie Monika Rinck ihre Formel einmal in der Rundschau Online zusammengefasst hat: „Eine gewisse Selbstüberraschung und das Vermeiden von Selbstimitation.“

Vielleicht wenig überraschend, erscheint sie selbst als ein ruhiger, besonnener Mensch; eine Person, die keine vorgefertigten Antworten gibt, sondern bei jedem Satz tatsächlich nach Antworten sucht. Man kommt nicht auf den Gedanken, dass sie das, was sie sagt, nicht so meinen könnte, wie sie es sagt. Weswegen es schön ist, dass sie sagt, der LA Schnei-deeer schmecke ihr, die eigentlich kaum Cocktails trinkt, sehr gut: „Ich mag die Vorstellung, dass Hortense Schneider diesen Drink in ihrer Garderobe mit verschiedenen Machthabern Europas zu sich genommen haben könnte.“ 

„Und jetzt Champagner für die Pferde!“

Wir haben auch lange daran gefeilt, denn auch ein Cocktail ist wie ein gutes Gedicht: Es geht um das, was drin ist, mindestens genauso wie um das, was man ausspart. So steigt beim LA Schneider zu Beginn das belebende Aroma des Bergamottenlikörs Italicus in die Nase, bevor er zu der leichten, aber entschiedenen Rauchnote des Mezcals überschwenkt, um am Ende in einer leicht herberen Teenote der Bergamotte auszuschwingen.

Noch dazu passt das Glas farblich zu dem Cover ihres anderen, neuen Buches. Monika Rinck hat am Tag unseres Besuches – ein Zufall – eine Kiste mit Belegexemplaren geliefert bekommen. Es nennt sich Champagner für die Pferde und ist weniger ein neues Werk als die erste umfassende Auswahl aus ihrem Gesamtwerk. Eine Feier der Poesie, wie der Klappentext zurecht besagt.

Der Titel geht dabei auf ein Interview mit dem Barbetreiber der Goldenen Bar, Klaus St. Rainer, zurück, der 2012 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu Protokoll gab, dass seine Bar dicht machen könne, wenn er nur von Gästen leben müsse, die den ganzen Abend an einem Manhattan nuckeln würden. Er brauche immer auch ein paar, die sagen: „Und jetzt Champagner für die Pferde!“

Das gefiel ihrem Verleger, und das gefiel auch Monika Rinck. Vom Paris des Jacques Offenbach über Sonnenaufgänge in Los Angeles in die Goldene Bar nach München in nur einem Drink, das verdeutlicht ihre Welt vielleicht ganz gut. Im Galopp durch Zeit und Raum, unberechenbar im Ausdruck, eine Grenzgängerin zwischen Tradition und Innovation, zwischen Past, Present und Preisen. 

Sie locke selbst manchmal Pferde mit Champagner an, meint Monika Rinck, auf der Rennbahn in Hoppegarten, wo sie gerne mal niedrige Dreierwetten mit hohen Außenseitern macht. „Wobei es fraglich ist, ob Pferde überhaupt Champagner vertragen“, sagt sie, und wiegt dabei ihren knapp 530 Seiten schweren Wälzer in den Händen. „Und es fraglich ist, ob das Buch jemand kauft. Wer braucht das alles schon?“

Da schreien wir dieser humorlosen, von Algorithmen vor sich hergetriebenen Welt in dicken Versalien entgegen:

ALLE! WIRKLICH ALLE!

Dieser Beitrag erfolgte in Kooperation mit Italicus Rosolio di Bergamotto. Auf den redaktionellen Inhalt wurde kein Einfluss genommen.