Christian Schönecker und das neue Leben im alten

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Er sammelt Schellacks und lebt die Zwanziger Jahre. Mit uns trinkt Christian Schönecker einen Rabbit in a Foxhole.

Es gibt Texte, die schreibt man besser bei Tag, und es gibt Texte, die verlangen nach der Nacht. Ein Text über Christian Schönecker ist, diese Einsicht stellt sich rasch ein, letzteres. Nicht, weil er ein Nachtmensch wäre und sein Leben in der Nacht stattfindet, ganz im Gegenteil, er ist Frühaufsteher. Aber aufgrund der Tatsache, dass die Nacht diese fordernde Dringlichkeit des Tages verliert, die Zeit scheinbar langsamer vergehen lässt, beruhigend auf sie wirkt.

Und über Christian Schönecker zu schreiben heißt zuallererst, über Zeit nachzudenken. Der 38-Jährige begeistert sich nämlich nicht nur für eine vergangene Epoche, er lebt praktisch in ihr, genauer gesagt: in den 1920ern. „Ich stehe auf und hinter der Alltagskultur dieser Zeit“, beschreibt der Schellack-Sammler. „Das bedeutet für mich nicht, sich mal kurz für ein Foto eine authentische Weste oder Hose anzuziehen und danach völlig anders zu sein. Das, was ihr hier seht, ist für mich normal. So bin ich.“

Das, was wir sehen, ist ein Küchentisch, an dem er mit Schal und Morgenjacke sitzt und eine Zigarette raucht. In seiner Wohnung findet sich keine Nike-Jogginghose, die er heimlich unter das Bett stopft, kein elektrischer Rasierer. Sehr wohl aber gestärkte Hemden, Schellacks und Bücher von George Grosz. Sein – ja, wie nennt man es: Faible, Faszination, Lebensgefühl? – geht soweit, dass er seine Ernährung der damaligen Zeit anpasst. „Grützsuppe, Pilzsuppe, Brotsuppe, Schmorgemüse, Reis, Nudeln, was man eben so da hatte“, beschreibt er. „Ich komme mit einem guten Stück Brot, Butter und Salz wunderbar aus.“

Die Küche mit ihren Landschaftsbildern, Sticktischdecken und Teekannen demonstriert auch, wie weit entfernt die damalige Alltagsrealität in Wahrheit auch von dem Klischee ist, als das die Roaring Twenties in der Gegenwart oft herhalten, mit all ihren Federboas, Champagnerschalen und Prohibitionsgangstern. Der Alltag von Fritz und Lotte in Berlin-Tempelhof sah eben anders aus. Dominierende Farbe seiner Wohnung ist ein tiefes Grün. „In den Zwanziger Jahren stand die Farbe Grün für die Rückkehr zur Natur, alternative Heilmethoden, FKK und eine gewisse Freizügigkeit“, erklärt der Hausherr. „Die Siebziger haben weder Neues gebracht noch erfunden.“

Christian Schönecker lebt heute auch in Berlin-Tempelhof, ist aber in einem kleinen Dorf in Franken aufgewachsen, zwischen Bamberg und Coburg, „wo jede Kuh und Katze mitgezählt wurden und das öffentliche Leben aus Blaskapelle und Freiwilliger Feuerwehr bestand“.

„In den Zwanziger Jahren war Berlin auf dem Weg zur Großstadt und dabei, London und Paris den Rang abzulaufen.“

Er spricht in einer selbstironischen, niemals spöttischen oder gar vulgären Art und beantwortet Fragen gerne mit Wortwitz. Es mag der Intellekt des Außenseiters sein, dem schon in der Grundschule klar wurde, dass er andere Dinge mag als seine Klassenkameraden, den Charlie-Chaplin-Filme mehr ansprechen als die Badenixen und Muskelpakete am Baywatch-Strand. Vielleicht sagt er auch deswegen heute noch: „Lieber alleine als in schlechter Gesellschaft.“

Als Teenager beginnt er alte Platten und Schellacks zu sammeln, nach einer Ausbildung zum Hotelfachmann, die ihn auch in die Schwäbische Alb bringt, zieht er nach Köln. Dort lernt er einen seiner heute noch engsten Vertrauten kennen, Robert Kreis, einen holländischen Kabarettisten, Pianisten und frühen Pionier der 1920er-Retrowelle. In Köln zimmert Christian Schönecker aus seinen Schellacks erstmals eine kleine Show („Scharf auf Schellack“), aber wer so sehr mit den Zwanzigern verbandelt ist, kann in Wahrheit nur in einer Stadt leben: Berlin. „In den Zwanziger Jahren auf dem Weg zur Großstadt und dabei, London und Paris den Rang abzulaufen“, sagt er.

Es ist auch kurz nach seinem Umzug nach Berlin, als Christian Schönecker in der Kreuzberger Bar Rias allwöchentlich seine Schellacks, aber auch alten Jazz und Blues auflegt. Dazu trinkt er gerne Old Fashioneds, Horse’s Necks, Cosmopolitans oder Manhattans und diskutiert bis in die frühen Morgenstunden am Tresen.

Woher wir das wissen? Weil ich ihm die Drinks serviert habe. Diese Nächte hatten eine Freundschaft zur Folge, oder vielmehr das, wofür der schöne Begriff „gegenseitige Wertschätzung“ steht, der gerade auf Begegnungen in Bars so wunderbar zutrifft; diese vage, in der Nacht entstehende Verbundenheit, die länger währen kann als jenes Gefühl von verblassender Vertrautheit, das oft nur noch mangels Alternative als Freundschaft bezeichnet wird.  

„Zwei, drei Zutaten, Cocktailkirsche, fertig. So mag ich’s“, beschreibt Christian Schönecker seine Cocktailvorlieben. Passend dazu ist unser Rabbit in a Foxhole ein Manhattan-Twist, oder vielmehr ein Twist auf den Rob Roy, der wiederum ein Twist auf den Manhattan ist. Das kräftige Gerüst des Cocktails bildet der Dead Rabbit Irish Whiskey, ein fünf Jahre in Ex-Bourbon-Fässern gelagerter Irish Whiskey, der vom Foxton genannten Erdbeeraroma eines Uhudler Wermuts unterstützt wird. Für die dezente Würze im Hintergrund sorgt der Bittermens Xocolatl Mole Bitters. „Ich verbinde mit diesem Drink einen guten Abend“, diagnostiziert Christian Schönecker. „Ich sitze in einer Bar, habe keinen Zeitdruck, lese Zeitung oder unterhalte mich. Es darf auch noch ein Zweiter werden, die Nacht kann noch länger dauern.“

Der Abend darf für ihn eben schon mal länger werden, nichtsdestotrotz ist er, wie eingangs erwähnt, Frühaufsteher. Er ist einer der Schnäppchenjäger, die an Wochenenden praktisch mit den Händlern ihre Ware am Flohmarkt auspacken. Auf diese Weise hat er viele seiner Schellack-Perlen gefunden, manchmal eilt ihm aber auch sein Ruf voraus. Eines Tages etwa schickt ihm jemand Fotos von Schellacks, „alten Krempel, den er loswerden wollte“, erinnert sich Christian Schönecker. Bei ihm lösen die Bilder Schnappatmung aus: Darunter ist ein Doppelalbum mit vier Liedern des Soundtracks von Metropolis, geschrieben von Gottfried Huppertz, die besonders die Original-Kommentare von Fritz Lang zu wahren Sammlerstücken machen. Er kauft die Kiste für ein paar Euro, heute werde ein Exemplar in den USA für 2.500 Dollar gehandelt, so Christian Schönecker. „Aber du musst natürlich einen Verrückten finden, der das zahlen will.“

Seine Schellacksammlung hat er auch schon im Berliner Adlon-Kempinski aufgestellt, als er einen Verantwortlichen kennen gelernt und ihm offenbart hatte, dass er Originalaufnahmen von Orchestern besitzen würde, die in der Blütezeit des Grand Hotels zum Tee gespielt hätten. Das hat er dann auch getan; in bescheidenerem Maßstab. „Das Hotel lebt heute von Gästen, die sich wenig um Dresscodes kümmern und in Badelatschen durch die Lobby stapfen“, erinnert sich Christian Schönecker. „Aber ich saß vor einem Haufen Gebäck und Kuchen und habe mir gedacht, genau so müssen hier ein Erich Kästner, eine Marlene Dietrich oder ein Kurt Tucholsky Mokka geschlürft und Cocktails getrunken haben. Das ist erhebend genug.“

„Antik zu leben ist für mich keine politische Aussage.“

Dieser Auftritt im Adlon war im vorletzten Jahr, kurz nachdem er „eine Irrfahrt“ aus beruflichen Zweifeln und privaten Turbulenzen hinter sich gebracht hatte, die ihn auch für einen Sicherheitsdienst in einem Hotel anheuern hatte lassen. Wobei weniger deutlich ist wie der Umstand, dass kaum jemand weniger dafür geeignet ist, betrunkene Russen in einem Flughafenhotel auf die Hausordnung hinzuweisen, als ein friedfertiger Schöngeist wie Christian Schönecker, der lieber mit Gedichte aus der Fremde von Erich Weinert auf einer Bank im Park Platz nimmt.

Diese Phase aber liegt nun hinter ihm. Verantwortlich dafür ist vor allem die Tatsache, dass er als Kleindarsteller Fuss gefasst hat, wofür wiederum eine durchgetrunkene und durchgesprochene Nacht mit einem Freund gesorgt hat. Auch für ihn ist das Smartphone das unersetzliche Taschenbüro, das All-Seeing-Eye, von dem aus er seine Anfragen koordiniert oder E-Castings verschickt. Christian Schönecker mag die Zwanziger Jahre schätzen, das heißt aber nicht, dass er sich der Moderne verschließt.

Berlin Station, Babylon Berlin, Die ZDF-Serie Die neue ZeitDer Fall ColliniLautlose Tropfen, Nö – alles Filme oder Serien, in denen er in der einen oder anderen Szene zu sehen oder zu hören sein wird. Von den Plakaten mögen dann Namen wie Elyas M’Barek, Anna Maria Lara oder August Diehl strahlen, aber Christian Schönecker hat seine Rollen nicht mit weniger Ernst bestritten als seine Kollegen vom Roten Teppich. Es ist für ihn jedenfalls von Vorteil, dass die Zeit, die ihn so intensiv begleitet, im Augenblick so populär auf dem Bildschirm und der Leinwand ist.

Die Grenze zwischen Schein und Sein ist für ihn ohnehin klar; vermutlich klarer als für viele andere. „Wenn man antik oder andersartig individuell lebt, wird man häufig gefragt: ‚Was möchtest du mit dieser Lebensweise eigentlich aussagen?'“, legt er dar. „Meine Antwort: gar nichts. Es ist keine politische Aussage. Ich lebe auf diese Art, weil es mir gut tut, weil ich mich damit wohl fühle und weil mir alles andere zu viel ist.“

Was, wiederum, sehr wohl ein Zeichen unserer Zeit ist.

Dieses Feature erfolgte in Kooperation mit Dead Rabbit Irish Whiskey. Auf den redaktionellen Inhalt wurde kein Einfluss genommen.