Max Andrzejewski und die Leichtigkeit des Unberechenbar-Seins

Lesen

Er gratwandert zwischen Jazz, Noiserock und Avantgarde-Pop. Wie er das macht, erklärt Max Andrzejewski bei einem Hanke Pranke.

Ungeschriebenes Autorengesetz: Wenn Geschichten in einem Schweinestall beginnen, müssen sie auch so erzählt werden. Und die Geschichte des Musikers Maximilian Andrzejewski beginnt in einem Schweinestall.

Mehr oder weniger.

Dazu reisen wir gedanklich in die Vergangenheit nach Ollheim, einem kleinen Ort mit etwas mehr als 700 Einwohnern, 15 Kilometer von Bonn entfernt. Dort leben die Großeltern des vierjährigen Max Andrzejewski, und dort probt sein Onkel mit einer Band. In besagtem Schweinestall. „Er hat mit seinen Kumpels Rock gespielt, mit Bierflaschen und allem“, erinnert sich Max Andrzejewski. „Ich wollte da immer rein und auf dem Schlagzeug rumkloppen. Als ich sechs war, hat mir mein Vater schließlich aus alten Resten ein Schlagzeug zusammengestellt. Mit acht wollte ich dann Unterricht.“

Sein Weg hinter das Schlagzeug war also nicht der des zappeligen Jungen, den die Eltern hinter ein paar Trommeln setzen, um seine Hyperaktivität zu bändigen, und an Max Andrzejewski ist auch keine whiplashartige Verbissenheit zu erkennen, die dazu führt, dass Schlagzeugern oft der Ruf des manischsten Mitglieds einer Band anhaftet.

„Mir war mit fünfzehn klar, dass ich professioneller Musiker werden will. Es gab nie einen Plan B“, erklärt Max Andrzejewski. „Auf Jazz kam ich durch einen Lehrer an meiner Schule. Es war aber auch ein Charakterding, denke ich: Ich stand darauf, auf etwas zu stehen, was andere nicht gut fanden.“

Erfolgreiche Karrieren passieren auch nur selten Menschen mit einem Plan B. Und erfolgreich heißt in diesem Fall, von einer Musik leben zu können, die vor allem eines großräumig umschifft: den Mainstream. Max Andrzejewski wechselt zwischen den Genres und fühlt sich keiner Kategorie verpflichtet. Dieses Bedürfnis nach stilistischer Gratwanderung hat ihn zu einem der umtriebigsten Akteure der deutschen Musikszene gemacht.

Das Album Monkey Business von Pranke erscheint auf dem Label Staatsakt.

So tritt er aktuell auf Jazzfesten mit Abacaxi auf, einem selbstbetitelten New Noise Glitch Rock Trio, das der Programmdirektorin des Jazzfests Berlin vom übertragenden Fernsehsender als „nicht sendefähig“ erklärt wurde. („‚Nicht sendefähig‘ – auch so ein geiler Begriff“, sagt Max Andrzejewski dazu.) Mit dem Quartett Expressway Sketches spielt er 1a-Surfsound, zu dem man in jeder Tiki-Bar einen Mai Tai nach dem anderen runter kippen könnte, während er zeitgenösische Kammermusik für Festivals schreibt und für den Radikalregisseur Ersan Mondtag mehrere Theaterstücke vertont hat, zuletzt Salome, das Anfang Dezember Premiere im Berliner Gorki-Theater feierte.

Seine wahre musikalische Heimat aber findet er als Komponist für seine Band Hütte, für die er 2013 den Neuen Deutschen Jazzpreis gewann und mit der er aktuell die Songs des Artrock-Pioniers Robert Wyatt (Soft Machine) einspielt – sowie in Pranke, dem Avantgarde-Pop-Duo, das er mit dem isländischen Gitarristen Daniel Bödvarsson bildet. Die beiden haben soeben ihr Album Monkey Business auf dem gefeierten, deutschen Indie-Label Staatsakt veröffentlicht, sonst eher bekannt für Diskursrock-Bands wie Ja, Panik oder Isolation Berlin.

„Manchmal frage ich mich auch, ob es nicht besser wäre, sich auf eine Stilrichtung zu konzentrieren. Für die Menschen ist es im Grunde einfacher, wenn sie wissen: Was macht der genau? Wofür steht er eigentlich?“, sinniert Max Andrzejewski, um sich gleich die Antwort zu geben. „Andererseits interessiert mich zu viel. Ich mag Noiserock und spiele und höre das gerne. Ich weiß aber auch, dass ich am nächsten Tag das Bedürfnis nach zarter und feingliedriger Musik habe.“

Als wir vor unserem Besuch telefoniert hatten, um über einen Drink zu sprechen, hatte Max Andrzejewski soeben einen Soundcheck in der Hamburger Elbphilharmonie hinter sich. Es sollte ein Gin-Cocktail werden; ein Drink, den man nach einem Konzert zu sich nehmen würde, der entspannt, aber auf eine Art, dass man nicht die nächste Couch sucht, sondern die nächste Platte. Oder die nächste Bar.

„Bei improvisierter Musik ist es wichtig, nicht darüber nachzudenken, was man macht.“

Unsere Wahl ist schließlich auf Genever gefallen, die gerne als Vorläufer des Gins bezeichnete Spirituose aus den Niederlanden. Diese bringt wie Gin eine Frische mit, hat durch den Anteil des Moutwijn, einem auf Getreidemaische basierenden Destillat, aber auch eine malzige Weiche – bei nur 35% Trinkstärke. Dazu gesellt sich die Bitterkeit eines Amaro, während die süße Basis des Drinks eine Trockenbeerenauslese aus dem Jahre 1991 bildet. Der Dash Orange Bitters gibt dem Drink zu Beginn in der Nase eine leichte Fruchtnote mit auf die Reise, die am Gaumen von den handfesteren Spirituosen abgelöst wird.

„Auf dem Bauernhof meiner Großeltern gibt es einen alten Weinkeller, in dem verstaubte Weinflaschen rumliegen. Als Jugendlicher habe ich gedacht, dass das Schätze sind. Dann habe ich sie geöffnet und sie haben alle nach Essig geschmeckt“, erinnert sich Max Andrzejewski, der selbst in der hessischen Kleinstadt Usingen aufgewachsen ist.

Unsere Flasche hat die 27 Jahre in einem Keller allerdings nicht nur blendend überstanden, sondern hat in dieser Zeit einen nahezu motoröligen Zustand angenommen, der in kleiner Dosis für eine perfekte Textur des Drinks sorgt. Als Name des Cocktails haben wir – als Anspielung auf den Klassiker Hanky Panky – die Bezeichnung Hanke Pranke gewählt; zuerst sehr überzeugt, später jedoch nicht ohne Bedenken. Schließlich könnte unser Gastgeber fußballaffin sein und eine Assoziation mit dem Fußballer Mike Hanke herstellen. „Wer? Kenne ich nicht. Ich bin der Fußball-unaffinste Mensch überhaupt“, grinst Max Andrzejewski jedoch gleich zu Beginn über diese Bedenken hinweg.

„Der Drink gefällt mir, er riecht süßlich und gleichzeitig sehr schwer“, diagnostiziert er weiter. „Ich trinke vor einem Auftritt gerne ein Bier. Es erdet und schaltet das Denken runter. Bei improvisierter Musik ist es wichtig, nicht darüber nachzudenken, was man macht. Als Jugendlicher geht man mit einer riesigen Naivität an Musik ran, aber im Studium wird plötzlich vieles komplizierter. Alles ist durchgeplant, und während man sich mit 16 noch für ein Genie gehalten hat, fühlt man sich nur noch mittelmäßig. Man lernt viel Handwerk, das ins Körpergedächtnis übergeht, das man aber auch wieder ausschalten muss. Es geht irgendwann wieder darum, diese Leichtigkeit herzustellen.“

Diese Leichtigkeit ist auf jeden Fall auf dem Pranke-Album Monkey Business zu finden. Produziert wurde es von Moses Schneider, bekannt für Arbeiten mit Bands wie Tocotronic, Beatsteaks oder Fehlfarben, der nach einem Konzert zu dem Duo meinte, das er keine Ahnung hätte, was sie da eigentlich machen würden, er das Album aber genau deswegen produzieren wolle.

„In kleinen Clubs in Berlin werden permanent Grenzen im Jazz überschritten.“

Es ist ein widerspenstiges Album im besten Sinne des Wortes geworden; prall gefüllt mit Ideen und einem konsequenten Wechselspiel von Harmonie und Disharmonie, wobei erstere zu Gast bei zweiterer ist. Wenn sich die beiden selbst als Avantgarde-Pop bezeichnen, dann ist Avantgarde der Hero und Pop der Sidekick. Songs wie die Single Hold the Line oder RW beweisen dabei, dass es für die beiden wohl ein Leichtes wäre, massentaugliche Ohrwürmer zu machen – wäre da nicht das natürliche Bedürfnis von Max Andrzejewski und Daniel Bödvarsson, sich in Tempo- und Rhythmuswechsel zu stürzen, bevor irgend jemand auf den verwerflichen Gedanken kommen könnte, mitzusummen.

Nicht von ungefähr haben sich die beiden in Berlin gefunden und eine Wohnung geteilt, wo ihr Projekt Pranke vor Jahren Gestalt annahm. Daniel Bödvarsson hat das Heimweh inzwischen nach Island zurückgetrieben, Max Andrzejewski aber bleibt in der Hauptstadt, deren lebendige Musikszene auch der Nährboden ist für das, was er tut.

„In kleinen Clubs in Berlin werden permanent Grenzen überschritten. Die meisten denken bei der Vorstellung von Jazz an eine Art Dinner-Jazz, wie er im Hintergrund einer Bar läuft. Aber es gibt sehr viele junge Musiker, deren experimentelle Sachen nichts mit einem herkömmlichen Jazzbegriff zu tun haben“, beschreibt Max Andrzejewski. „Das muss man den Menschen wirklich langsam mal reintrichtern.“

Oder in diesem Fall eben: Reintrommeln!