Drei Tage auf Kuba: Einer flog übers Cucucksnest

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Kuba hat eine Partei, zwei Währungen, drei Nationalhelden und vier Nationaldrinks. Mindestens. Wir haben ein Daiquiri Diary aus Havanna.

Es ist kurz nach Mitternacht an einem Montag Abend Ende Oktober. Ich sitze auf dem Gehsteig vor dem Plaza de la Revolución in Havanna und rauche eine Zigarette. Die Luft ist schwül und warm, weil sie auf Kuba immer schwül und warm ist, Tag wie Nacht. In meinem Rücken ragt das Jose-Martí-Denkmal 109 Meter in die Nacht, benannt nach dem Schriftsteller und Vordenker der kubanischen Unabhängigkeitsbewegung

Nur wenige Autos passieren die breiten Straßen, die dem Platz vorgelagert sind, dahinter befinden sich das Innenministerium und das Informationsministerium. Bis vor Kurzem waren die Fassaden der beiden Hochhäuser noch beleuchtet; das Informationsministerium mit dem Konterfei von Camilo Cienfuegos, einem – zumindest international – wenig bekannteren Mitstreiter der kubanischen Revolution, das Innenministerium mit dem sehr bekannten Gesicht des Mannes, der auf der ganzen Welt zum Symbol des unbeugsamen Widerstandskämpfers wurde: Che Guevara.

Die Lichter sind erloschen, aber die Konturen des Über-Guerilleros sind auch in der Dunkelheit gut zu erkennen. Es ist der berühmte Blick, mit dem Ernesto Rafael Guevara de la Serna zur globalen Projektion geworden ist, zum unbiegsamen Ideologen, zum Bigger-than-life-Linken, der den Dschungel dem Schreibtisch vorzog und den Jean-Paul Sartre als den „vollständigsten Menschen unserer Zeit“ bezeichnet hatte. Da ich nicht mehr ganz nüchtern bin, frage ich mich, warum es ständig Bücher und Filme gibt, in denen Hitler wieder da ist, aber nichts, in dem Che Guevara wieder auftaucht. Dabei wäre das durchaus plausibler: Er wäre im Juni diesen Jahres 90 Jahre alt geworden. Ob er Instagram verwenden würde?

Für eine kleine Insel, die hauptsächlich Zuckerrohr anbaut, hat Kuba eben gewaltige, politische Fußspuren hinterlassen. Man muss nicht mehr als dreißig verschwitzte Minuten vom Plaza de la Revolución die schnurgerade Avenida Paseo Richtung Malecón hinab wandern, der bekannten Meerespromenade Havannas, um das zu verstehen. Dort steht das Hotel Riviera, das seit 2017 Hotel Iberostar Habana Riviera heißt, aber in den 1950ern von US-Mobster Meyer Lansky erbaut wurde. Dieser wiederum machte gemeinsame Sache mit Fulgencio Batista, dem kubanischen Diktator, der sein Land an die USA und die Mafia verschacherte. Als das Riviera Hotel 1957 mit einem Auftritt von Ginger Rogers eröffnet wurde, führte die Bewegung des 26. Juli – so die ursprüngliche Bezeichnung der Revolutionäre um Fidel Castro – in einem Gebirge westlich von Santiago de Cuba bereits ihren Befreiungskampf. Dort waren 82 Guerillas im Dezember 1956 auf einem knapp 20 Meter langem Boot, der Granma, gelandet.

So viele Menschen, wie in eine normale Bar passen, auf einem Kahn, den heute ein SUV an den Lago Maggiore ziehen kann – es klingt im Hinblick auf die Geschichte, die Kuba geschrieben hat, fast lächerlich klein, womit das alles begann.

Wenn man ein Land für drei Tage besucht, sollte man jedenfalls nicht so vermessen sein, es verstehen zu wollen. Ganz besonders ein kommunistisches Land. Auf Kuba gibt es nur eine Partei, aber weniger Polizeipräsenz als in Berlin. Das Land hat zwei Währungen, den CUC für Ausländer – ausgesprochen Kuck – und den CUP, den kubanischen Peso, für Einheimische. Folglich bewegt man sich vom ersten Geldwechsel an in einer Parallelgesellschaft.

Fünf von sechs Kubaner arbeiten für den Staat und haben ein Durchschnittsverdienst von knapp 25 Euro im Monat. Viele verbessern das auf einem Schwarzmarkt, der die Folge dieses Systems ist. Die Todesstrafe wurde de facto abgeschafft, aber für einen Joint kann man ein paar Jahre ins Gefängnis gehen. Kein Land hat umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung die höchste Dichte an Ärzten weltweit, auf etwa 140 Einwohner kommt ein Mediziner. Kubaner haben das schönste Meer vor Augen, aber sie dürfen es nicht befahren. Fluchtgefahr.

„Am 1. Januar 1959 flüchtete Batista mit rund 40 Millionen Dollar in bar.“

Was Cocktails betrifft, hat Kuba mit Namen wie Mojito, Cuba Libre, Canchánchara, El Presidente oder vor allem Daiquiri ebenfalls Geschichte geschrieben. In ihrer Blütezeit war die kubanische Bar nahezu auf Augenhöhe mit der amerikanischen, eine Entwicklung, die einen zusätzlichen Schub bekam, als die Prohibition in den USA die Meister ihres Fachs ins Exil zwang. Die meisten gingen nach London, Paris – oder eben dem nahe gelegenen Kuba.

Das währte solange, bis Fulgencio Batista sein Land in einen großen Puff mit sich als größten Zuhälter verwandelte und am 1. Januar 1959 in die Dominikanische Republik flüchtete, mit rund 40 Millionen Dollar in bar. Dann war es erstmal vorbei mit der von Basil Woon beschriebenen Cocktail Time in Cuba. (Nur wenige Monate später starb übrigens auch Camilo Cienfuegos, laut offiziellen Angaben bei einem nie geklärten Flugzeugabsturz, laut anderen Theorien auf Anordnung seiner ehemaligen Mitstreiter selbst, nachdem er deren stärker werdenden Hang zur Diktatur kritisiert haben soll.)

„Rum gehört in den kubanischen Alltag wie eine Flasche Wein zum Essen in Italien“ , meint Lucrezia Fanti. „Havana Club wird durchaus mit einer Form von Nationalstolz betrachtet. Die T-Shirts, die überall auf der Straße verkauft werden, sind auch nicht von Havana Club gemacht oder lizensiert. Das machen die Menschen selbst.“

Lucrezia Fanti lebt seit 2011 auf Kuba und ist mit einem Kubaner verheiratet. Die gebürtige Italienerin ist Innovation Manager bei Havana Club, auf deren Einladung ich hier bin. Wir sitzen am Wasser eines Restaurants namens riomar, eines der modernen, privat geführten Restaurants, wie sie in den letzten Jahren häufiger eröffnet wurden. Rund 13% der Kubaner arbeiten heute im privatwirtschaftlichen Sektor. Wie alle spricht auch Lucrezia Fanti mit diesem wissenden Lächeln, das nur die haben, die auf Kuba leben, darüber, wie die Dinge auf der Insel so laufen.

Wer beispielsweise eine Lizenz zum Haareschneiden hat, darf genau das: Haareschneiden. Und nicht zusätzlich Nägelschneiden oder Augenbrauen zupfen. Mit dem 6. Dezember 2018 tritt ein Gesetz in Kraft, das diese Regelung lockert. „Gleichzeitig aber kommt ein andere Anordnung: Privat geführte Restaurants müssen ihre Gästezahl auf 50 Plätze beschränken“, erklärt die Wahl-Kubanerin, die hofft, dass diese Einschränkung die Zahl moderner Gastronomien, die in den letzten Jahren gestiegen ist, nicht wieder im Keim erstickt.

„Der Revolution ging es nicht darum, den Rum zu zerstören.“

Die Tatsache, dass Deutschland nach Kuba der stärkste Markt für Havana Club ist, ist auf die Brüderschaft des Sozialismus zurückzuführen: Havana Club war bereits in den DDR bekannt. Seit 1993 wird die Marke in einem Joint Venture von Pernod Ricard und dem kubanischen Staat geführt. „Das bedeutet aber nicht, dass das Tagesgeschäft mit der politischen Führung abgestimmt werden muss. Wir führen das Unternehmen nach herkömmlichen Maßstäben. Nur wenn es radikale Änderungen gibt, was die Marke betrifft, muss eine Zustimmung eingeholt werden“, meint Lucrezia Fanti. „Der Revolution ging es auch nicht darum, Rum oder die Cocktailkultur zu zerstören. Es ging darum, das Laster zu vertreiben.“

Ohne Laster aber keine Barkultur, das weiß jeder, der auch nur einmal fünf Gläser in einer Bar gespült hat. Und ohne Produkte keine Cocktails. Das kommunistische Kuba hatte sich vielleicht nicht ins Parteiprogramm geschrieben, der Cocktailkultur den Hahn abzudrehen, aber manche Dinge geschehen eben einfach automatisch. Wenn Che Guevara vom „neuen Menschen“ sprach, den er auf Kuba schaffen wollte, hatte er schließlich niemanden mit einem Shaker vor Augen. Außerdem versandete die Cocktailkultur zwischen den 1970er Jahren und 1990er Jahren auch international über alle Kulturen hinweg. Tequila Sunrise und Föhnfrisuren wurden zum neuen Standard. Es hieß Disco statt Daiquiri.

„El Floridita, Wiege des Daiquiri und Wonne von Hemingway.“

Es gibt jedoch einen Ort, der exemplarisch für die kubanische Bar steht und an dem der Daiquiri stets geflossen ist. Das ist die Bar El Floridita, die seit 1817 am gleichen Ort steht, damals noch eröffnet unter dem Namen La Piña de Plata . Ich habe lange überlegt, wie man einen Text über Cocktails in Havanna schreiben kann, ohne Ernest Hemingway zu erwähnen, der sieben seiner Bücher auf Kuba geschrieben hat und keines davon ohne Daiquiris, aber am Ende muss man die Übermacht anerkennen. Also gut: Hier, am langen, dunklen Tresen der selbstbewussten Wiege des Daiquiri, hat Hemingway nicht nur täglich seine Daiquiris getrunken, sondern sie der Legende nach auch in einer Kanne nach Hause getragen, damit der grünlich-weiß schimmernde Stoff nicht versiegt.

Wer sich also mit Barkultur beschäftigt, für den ist die El Floridita so etwas wie das CBGB für Punks, das Original-Kubrick-Set für Filmemacher, die Woodstock-Wiese für Hippies: Ein Ort, der längst nicht mehr das ist, was er mal war, aber der einen Geist ausstrahlt, der über gewisse Zweifel erhaben ist. In diesem Fall auch über Tische voller Touristen, die dem stets lächelnden Barchef Alejandro Bolivar und seinem Team auf die Finger schauen. Das Menü ist nicht mehr als eine in Plastik verpackte Doppelseite, aber man braucht sie auch nicht, denn es gibt ohnehin nur eines: Daiquiris, und das in unterschiedlichsten Varianten.

Die Blender im El Floridita laufen jedenfalls tagein tagaus auf Hochfrequenz, und vor der neuen Regelung, die am 6. Dezember in Kraft tritt, muss sich die Bar auch nicht fürchten: Das El Floridita ist in staatlichem Besitz und muss seine imposanten, patinageladenen Räumlichkeiten nicht auf 50 Plätze verkleinern.

Die lebensgroße Statue von Ernest Hemingway, die am linken Ende der Bar lehnt, gleich gegenüber des Eingangs, kann weiter als beliebtes Fotomotiv dienen. Gleich darüber befindet sich übrigens ein Bild, das ihn mit Fidel Castro zeigt. Es wurde 1960 beim Ernest Hemingway International Billfishing Tournament geschossen, einem von Hemingway ins Leben gerufenen Hochseefischerturnier, an dem damals auch Che Guevara und Fidel Castro teilnahmen.

Castro gewann das Turnier, obwohl er angeblich das erste Mal in seinem Leben fischen war. Aufgrund der Häufigkeit, mit der einem das Bild auf Kuba begegnet, könnte man meinen, Hemingway und Castro hätten sich täglich gesehen, tatsächlich war es jedoch das einzige Mal, dass sich die beiden begegneten: Ein Jahr später beging der Literatur-Nobelpreisträger Selbstmord.

Die kommunistischen Überväter sind jedenfalls auch heute noch stark im Stadtbild verankert; Fidel Castro, der nicht wollte, dass Orte nach seinem Tod nach ihm benannt werden, auf Plakaten in verschiedenen Stadien seines Lebens, für das dem Máximo Líder gedankt wird; Che Guevara als der ewig junge Messias, mit seinen ikonischen, in der Zeit erstarrten Blicken.

Jede Postkarte, T-Shirt oder Tasse mit seinem Motiv verstärkt jedoch das Gefühl, in eine Parodie gelangt zu sein. Wohin diese führen wird, wie weit sich das Land öffnen wird und ob nicht wir auch etwas von Kuba lernen können, wird sich zeigen. Es ist jedenfalls unmöglich, sein Herz nicht an dieses Land der Kontraste, diese Insel der Farben zu verlieren. „Die Stimmung in Europa ist relativ angespannt. In Mailand würde ich meine kleine Tochter auch nicht alleine auf der Straße spielen lassen“, hatte Lucrezia Fanti gemeint. „In Havanna mache ich das. Man achtet aufeinander, die Stadt ist sicher.“

So sicher, dass man auch nach Mitternacht alleine am Plaza de la Revolución eine Zigarette rauchen kann. Mit oder ohne Che.

Hinweis: Diese Geschichte ist im Rahmen einer dreitägigen Pressereise entstanden, die ich im Namen des Magazins Mixology auf Einladung von Havana Club angetreten bin. Vorgestellt wurde der Premium-Rum Pacto Navio. Mit dabei waren Andreas Schöler (One Trick Pony, Freiburg), Arnd Henning Heißen (Ritz-Carlton, Berlin) und Tarek Nix (Provocateur, Berlin) sowie Benjamin Brouer (Fizzz Magazin). Begleitet wurden wir von Team Leader Advocacy & Education Christian Balke. Für diesen Artikel sind keine Mittel geflossen, er entstand ohne Einflussnahme auf den Inhalt.