Auf einen Drink im Burgenland, New Mexico.

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Zwischen endlosem Blau, endlichem Cachaça, Gelbem Muskateller und dem tiefsten Punkt Österreichs: Auf einen Malibro im Seewinkel.

Österreich ist ein Land voller Berge, eine Nation voller Skifahrer und Rodler.

Und dann gibt es das Nordburgenland, genauer gesagt, den Seewinkel. Hier wird kein Ausblick von einem Berggipfel unterbrochen, hier trifft das Auge auf keinen Widerstand, so weit es sich auch streckt. Und erst recht auf keinen Skilift.

Wie auch: Wir befinden uns in der flachsten Gegend des Landes, gekrönt vom geologisch tiefst gemessenen Punkt Österreichs. Der liegt 114 Meter über dem Meeresspiegel, es gibt eine Tafel, die diese Stelle ausweist. Wir befinden uns also am diametral entgegen gesetzten Punkt vom Gipfelkreuz des Großglockners.

Diese geographische Besonderheit erlaubt einen Ausblick, so weit das Auge reicht. Er ist begleitet von einem nicht enden wollenden Blau am Himmel, unter dem die endlosen Geraden der Landstraßen in der Nachmittagssonne flimmern, als wäre man geradewegs auf einem Highway in New Mexico.

Neben dem Blau des Himmels hat jedoch auch ein anderes Blau in den letzten zwei Dekaden Einzug gehalten (und wir sprechen nicht vom FPÖ-blau, das natürlich leider auch): sattes, flirrendes Swimming-Pool-Blau. Die Dichte der privaten Pools in den Gärten ist mit dem Eintritt in das neue Millennium rasant gestiegen, ein gewisses Paradox für eine Gegend, die Seewinkel heißt und optisch von vielen kleinen Seen und Lacken dominiert wird. Und natürlich von dem einen großen Gewässer, dem Neusiedler See, dem größten Steppensee Europas, den ein ausgewachsener Mensch von einem Ufer zum anderen durchwaten kann, ohne sich das Kinn nass zu machen.

Für Menschen wie uns, die gewohnt sind, über Glasscherben zu steigen und von Sirenen geweckt zu werden, ist ein Urlaub am elterlichen Gartenpool natürlich eine Art Ersatz-Saint-Tropez. Und da wir uns die Aufgabe gestellt haben, einen guten Drink nur aus den Zutaten zu machen, die wir vorfinden, haben wir lediglich unsere Latex-Eiswürfelform mitgenommen.

Für die Cocktailzutaten sorgt die Gegend selbst; um den Seewinkel zu würdigen, muss man einen Drink mit Wein machen. Wein und Cocktails sind jedoch keine allzu häufig verwendete Liaison, denn die Berühungsängste sind groß; vor allem, weil die, die Cocktails machen, mit Wein meist wenig zu tun haben, und die, die Wein machen, wenig von Cocktails wissen wollen.

Dabei gilt gerade an diesem Punkt die Faustregel: Es gibt kein falsch gemixt, sondern nur schlecht gemixt. Wir entscheiden uns für den wunderbaren Gelben Muskateller von Josef Andert, ein Winzer, von dem ich noch keinen Wein getrunken habe, den er verhaut hätte, der es jedoch unterlässt, als mondäner Wein-Manufakteur aufzutreten.

Zu diesem Gelben Muskateller widerum eignet sich ein fruchtiger Cachaça, der literweise in der Speisekammer steht. Dieser glückliche Vorrat ist der Tatsache geschuldet, dass mein Bruder mit einer Brasilianerin verheiratet ist und die beiden jedesmal, wenn sie in Brasilien sind, eine oder mehrere Flaschen Cachaça mitnehmen, den man hier vielleicht aussprechen, aber nicht literweise trinken kann.

Wir entscheiden uns für eine Flasche Cachaça Artesanal, „abgefüllt von einem brasilianischen Biohof“, wie mein Bruder schreibt. An diesem Punkt müssen wir der Quelle vertrauen, der intensive, blumige Geruch und der weiche, wenig spritige Abgang am Gaumen geben der Aussage jedoch Recht.

„Für Menschen wie uns, die gewohnt sind, über Glasscherben zu springen, ist ein Urlaub am elterlichen Gartenpool ein Ersatz-Saint-Tropez.“

Interessanter wird es im Schnapsschrank im Wohnzimmer. Meine Eltern enstammen einer Generation, für die es als Selbstverständlichkeit gilt, einen traditionellen Schnaps des Landes mitzunehmen, in dem man Urlaub macht. Das hat in den Achtzigern zu einigen Ouzoräuschen geführt, die die mit Anisschnaps gänzlich untrainierte Nachbarschaft lahm gelegt haben, sowie eine veritable Mischung aus Irish Whiskeys und Scotch Whiskys entstehen lassen. Beide helfen uns für unseren Hauscocktail jedoch nicht weiter: Die Holzfassschläger von den rauen Inseln sind zu brutal gegen unsere Blumenkinder Cachaça und Gelber Muskateller.

Glücklicherweise findet sich in der letzten Reihe eine Flasche, deren poppiges Äußeres nahezu danach schreit, an einem Swimming Pool fotografiert zu werden: ein Malibu Rumlikör. Der mag von zweifelhafter Qualität sein, und es scheint nicht ganz unmöglich, dass er dort schon steht, seit Österreich zum letztenmal bei einer Fußball-WM dabei war (1990), aber eine sinnvolle Ergänzung ist er in seiner Kokossüße allemal. Abrunden tun wir das mit einem Lavendelsirup, für den wir uns einfach ein paar Blüten aus dem Garten schnappen und sie über Nacht in kaltem Zuckersirup ziehen lassen.

Und da der Cachaça meines Bruders der aromatische und der Malibu aus der Hausbar der visuelle Hauptakteur des Ensembles sind, ist auch ein Name des Drinks bald gefunden: der Malibro!

Es mag auch an der Tatsache liegen, hier aufgewachsen zu sein, dass es mir weniger Probleme bereitet, Wein mit Zuckersirup zu mischen. Immerhin gibt es vor allem ein Ereignis, das den Seewinkel in den letzten vierzig Jahren weit über alle Landesgrenzen hinweg bekannt gemacht hat. Das war der Glykolskandal Mitte der Achtziger Jahre, bei dem Weinhändler und Winzer der Gegend ihren Süßwein mit dem Frostschutzmittel Glykol streckten und den Ruf der Gegend auf Jahrzehnte hin ramponierten.

Mittlerweile ist freilich das Gras der Geschichte darüber gewachsen. Viele betrachten den Glykolskandal heute als notwendiges Übel, das erst den Startschuss in eine moderne Winzerei ermöglicht hat, und Zeugen, die damals dabei waren, sprechen darüber so gerne wie Arya Stark über die Bluthochzeit. Es sind jedenfalls gewaltige Winzerbetriebe aus den Böden gewachsen, die mächtige Winzereien und Showrooms in die Gegend bauen. Burgenländischer Wein hat heute einen hervorragenden Ruf und ist auf nahezu jeder Weinkarte in einem halbwegs gut sortierten Restaurant vertreten.

Dazu passend hat das Schlagwort der Regionalität auch in der lokalen Vermarktung Einzug gehalten. Wer noch in den Neunzigerjahren sein Obst und Gemüse lose aus Kisten am Straßenrand verkauft hat, galt entweder als verwirrt, als verarmt oder beides. Kein Bauer oder Landwirt bei gesundem Menschenverstand hätte sich dieser Schmach hingegeben, wo doch die Genossenschaft alles geregelt hat.

Dieses Bild hat sich verändert. Regionalität und Bio ist ein Kaufargument, ob beim Saftproduzenten, Essighersteller, Biofleischer oder im Supermarkt. Selbst auf den Verpackungen der Eiswürfel steht ‚aus echtem österreichischen Quellwasser‘! Verdeutlicht wird dieses implementierte Qualitätssiegel, in dem auf nahezu jedem Produkt die überall omnipräsenten Farben der Landesfahne leuchten, das Rot-Weiß-Rot.

Dabei wäre Blau-Weiß doch eigentlich viel schöner. Pool-blau, versteht sich. Nicht FPÖ-blau.